der Einfluss von Yoga auf unser Bewusstsein


Menschen, die sich zu einem Yogakurs anmelden, verbinden damit eine Erwartungshaltung. Sie erhoffen sich eine Verbesserung ihres körperlichen und seelischen Zustands. Vorausgesetzt, man findet eine Schulrichtung im Yoga, die zum eigenen Körper und Typ passt, erfüllt Yoga diese Erwartungen und kann sogar darüber hinausgehen.

Der Yoga hat Einfluss auf den Blutdruck, trainiert das Gedächtnis, er hat Einfluss auf chronische Schmerzen, lindert auch innere Spannungen und fördert körperliche und emotionale Gesundheit. Ich selbst hatte nach einer schweren Rücken-OP vor 12 Jahren chronische Schmerzen, nahm Retard-Opiate dagegen ein und sollte nach Aussage meiner Ärzte kein Yoga mehr praktizieren. Ich beschloss, mehr auf meine langen Erfahrungen als Yogalehrerin zu vertrauen und behutsam auszuprobieren, was möglich war, begann wieder mit Yogahaltungen und war 6 Monate später schmerzfrei bzw. bin es bis heute. Natürlich war das der Neustart als Yogalehrerin. Wer mich kennt, kennt auch die Empfehlung meiner Chirurgen, als sie mein Befinden 1 Jahr nach der OP kontrollierten:

„Machen Sie Yoga, soviel Sie wollen, wann Sie wollen, aber versprechen Sie uns, dass Sie nie wieder einen Orthopäden fragen, ob Sie Yoga machen dürfen.“

Natürlich möchte ich damit nicht empfehlen, sich über einen ärztlichen Rat misstrauisch hinwegzusetzen. Ich für mich halte es seitdem eher so: ich höre mir an, was Ärzte zu mir und meinem Zustand sagen, aber ich fühle auch in mich hinein. Und wenn es da eine Diskrepanz gibt zwischen dem ärztlichen Rat und meinem Empfinden, hole ich mir eine Zweit- oder Drittmeinung und beginne behutsam zu experimentieren….

Inzwischen gibt es eine Vielzahl von Studien zur Wirkung von Yoga. Diese Studien können so unterschiedliche Ergebnisse erbringen, wie Yoga auch unterschiedlich praktiziert werden kann. Es gibt sehr sportliche Varianten des Yoga und auch sehr ruhige, meditative Stile und Formen, die auf der Basis von Achtsamkeit praktiziert werden, das ist meine Ausrichtung.

Die Unterschiedlichkeit der Faktoren, die einen Yoga-Stil ausmachen, machen es nicht leicht, die Wirkung des Yoga zu erforschen.

Während meiner Ausbildung zur Yogalehrerin hatte ich einen Lehrer, der als Neurowissenschaftler zu einem Ausbildungs-Seminar eingeladen wurde. Ulrich Ott ist sowohl Psychologe als auch Yogapraktizierender und hat sich lange mit den Wirkungen des Yoga beschäftigt. Er hat auch Bücher zum Thema geschrieben, u.a. „Yoga für Skeptiker“. In diesem Buch bzw. in entsprechenden Seminaren erläutert er sehr präzise, was Yoga mit uns und mit dem Gehirn macht.

Grundsätzlich ist es bekannt, dass Hirnregionen, die häufig benutzt werden, synaptische Verbindungen innerhalb der Hirnregionen ausbilden. Je häufiger wir eine bestimmte Handlung ausführen, umso besser beherrschen wir sie. Jeder, der Auto fahren kann, kennt das. Zu Beginn der Fahrschule wissen wir bald theoretisch, was wir zu tun haben, aber Sicherheit bekommen wir erst beim Autofahren, wenn wir – zu meiner Fahrschulzeit sagte man – 100.000 km gefahren sind. Wenn wir also etwas Neues erfahren, bilden sich neuronale Vernetzungen im Gehirn, die ich Trampelpfade nenne. Wenn wir dranbleiben, werden aus den Trampelpfaden feste solide Straßen. Diese Erkenntnis lässt sich auf viele Alltagserfahrungen übertragen: lesen verändert das Gehirn, Fahrrad fahren, ein Hobby ausführen u.s.w.

Genau genommen sind es 3 Faktoren, die alle Yoga-Stilen verbindet oder verbinden sollte: Yoga-Haltungen – Atempraxis – (Achtsamkeits-)Meditation.

Einige wichtige besonders Veränderungen im Gehirn:

  1. die graue Nervenzellkörper, die Substantia grisea, ein Teil des Zentralnervensystems, verringert sich mit zunehmendem Alter des Menschen, beeinträchtigt das Gedächtnis, was im Zusammenhang mit der Entwicklung einer Demenz stehen kann. Yoga kann diesen altersbedingten Abbau verlangsamen.
  2. Die Atempraxis, die Koordination von Bewegungen zusammen mit dem Atem fördern Körperbewusstsein und Selbstkontrolle.
  3. durch Atemübungen und Meditation verlangsamen sich die Gehirnwellen und werden zu langwelligen Alpha-Wellen, die für zunehmende Entspannung stehen. Innere Spannungen werden abgebaut, das Gehirn wird in einen Ruhezustand versetzt und wir bekommen leichter Zugang zu unseren inneren Ressourcen und zu unserer Intuition. „Heureka“, ich hab es, rief Archimedes, als es in der Badewanne entspannte und dabei das Archimedische Prinzip entdeckte.
  4. Und mehr noch: im ventralen Striatum, einer Gehirnregion im Vorderhirn, wird Dopamin, ein Stimmungsaufheller, ausgeschüttet. Ein Mangel an Dopamin führt zu nachlassender Aufmerksamkeit und Verringerung der geistigen Fähigkeiten und der Konzentration. Erhöht sich der Dopaminspiegel im Gehirn, werden wir weniger anfällig für Stress im Alltag. Wir reagieren auf ähnliche Stressoren gelassener.
  5. Bei regelmäßiger Yoga-Praxis sinkt der Cortisol-Spiegel im Blut. Cortisol ist ein körpereigenes Hormon, das bei Stress vermehrt ausgeschüttet wird. Da Dauerstress den Hormonspiegel der Stresshormone auf hohem Niveau hält, werden mit der Zeit die Weichen für organische Erkrankungen gesetzt. Bluthochdruck, Schlafstörungen, Anspannungs-Schmerzen im Körper sind nur einige der typischen Stress-Klassiker.
  6. es gibt Studien, die belegen, dass Yoga das Gehirn verändert, und das beginnt bereits nach 20-minütiger Meditation, vorausgesetzt, wir wissen, „wie es geht„. Das aber lernt man in einem qualifizierten Unterricht, in dem das Thema Achtsamkeit seinen Platz findet. 20 Minuten Meditation ersetzt 2 Stunden Schlaf und kann, richtig angewendet, sehr hilfreich bei Schlafstörungen sein. Schlafstörungen waren in meinem Fall der Grund, um vor 30 Jahren Hilfe im Yoga zu suchen – wie man sieht, mehr als erfolgreich. Neben Veränderungen in verschiedenen Hirnarealen finde ich den Einfluss auf den Mandelkern besonders faszinierend. Der Mandelkern gehört zum Gefühlszentrum und reagiert besonders empfindlich auf Reize aus dem Kortex, der Alarm-/Bedrohungs- oder Schmerzsignale aussendet. Dann sorgt der Mandelkern in einem komplizierten Prozess dafür, dass Stresshormone in den Körper ausgeschüttet werden. Der Körper wird „fit gemacht“, um der Bedrohung zu entkommen: durch „Fight – Flight – oder Freeze„, Kampf – Flucht oder Erstarren. Ja, und wenn wir regelmäßig Yoga im Sinne von Achtsamkeit üben, verkleinert sich der Mandelkern, wir reagieren dann nicht mehr so intensiv auf vermeintliche Bedrohung und auf reale Schmerzen. Ich habe auf diese Weise meine chronischen post-operativen Schmerzen bewältigt, bis zum heutigen Tag.
  7. Was bedeutet das für Euch? Yoga kann und kann in der einen oder anderen Form zu einer lebenslangen Praxis werden. Eigentlich gibt es keine guten Gründe, es nicht zu tun. Ich selbst habe eine vollversteifte Wirbelsäule, eine Gangstörung auf dem linken Bein, eine Peroneus-Schwäche auf dem linken Fuß – Stolpersteine auf meinem Weg, die ich geschickt umgehe. Diese Stolpersteine haben meine Yoga-Praxis nicht nur intensiviert, sondern mich auch zu meinen Fortbildungen in Formen der Stressbewältigung und in der Verhaltenstherapie (ACT) motiviert. D.h. meine Einschränkungen sind ein Gewinn – für mich und Andere.


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