das Selbst entdecken und Frieden in sich finden


Wenn wir in unsere Welt hineingeboren werden, beginnt ein langer Lernprozess, der sich durch das ganze Leben hindurchziehen kann und im Idealfall unserem Leben wie ein Kompass Orientierung gibt. Doch manche Ideale erscheinen uns wie Fernziele. Man könnte sie mit einem Haus vergleichen, das noch im Rohbau steht, wenn wir einziehen.

Dazu zähle ich das Ideal des positiven Selbstwertgefühls. Es erscheint uns erstrebenswert, wenngleich es Situationen gibt, die es erschüttern können: eine Kränkung, Ablehnung durch Mitmenschen, Misslingen oder Versagen bei einem Ziel, das wir uns gesteckt haben, ein Trauma u.v.m.

Dann suchen wir nach Wegen, unseren Selbstwert zu verteidigen, mit ihm zu ringen oder Situationen auszuweichen, die ihn fordern könnten.

Was wäre aber, wenn das Selbst, wie wir es uns vorstellen, zu einer Art Gefängniszelle werden kann, wenn wir zu wenig achtsam sind?

Die ACT-Therapie bietet eine Möglichkeit, ein stabiles Selbst im Alltag aufzubauen. Aus seiner Perspektive stellt sich das Selbst in 3 Formen dar:

  1. Das Selbst als Konzept
  2. das Selbst als Prozess
  3. das Selbst als Kontext

Das Selbst als Konzept zeigt sich in unseren Kommentaren und Einschätzungen über uns selbst wie diesen:

„Ich bin völlig unsportlich, deswegen versuche ich gar nicht erst, Sport zu treiben.“ Oder „ich bin viel zu ängstlich, um auf Neues zuzugehen.“ Oder „Yoga ist nur was für sehr sportliche Menschen, die sich gern verbiegen.“ Oder: „Meditation – das sind doch die Menschen, die stundenlang auf einem Kissen sitzen, verklärt aussehen und „Om“ sagen….

Diese Vorstellungen von einem Selbst als Konzept können eng wie ein Gefängnis sein, weil sie verhindern, trotzdem aktiv zu werden. Sie hindern uns daran, nach Möglichkeiten zu greifen, die vor unserer Nase liegen und unser Leben bereichern könnten, würden wir sie denn ausprobieren.

So könnten wir uns z.B. dazu entschließen, Yoga zu praktizieren, obwohl wir uns für unsportlich halten – und dabei die Erfahrung machen, dass Sportlichkeit keine zwingende Voraussetzung ist, um mit der Yogapraxis zu beginnen und erleben, wie unser Leben leichter wird.

Wenn wir darum ringen, unser Selbstbewusstsein durch positive Selbst-Instruktionen aufzubauen, dann kann das ziemlich anstrengend und auch frustrierend sein.

Das Selbst als Prozess zeigt sich, wenn wir die Perspektive wechseln und damit beginnen, uns, unsere Erfahrungen und unsere Gedanken, Gefühle und Emotionen zu beobachten. Das bedeutet auch, dass wir aufhören zu bewerten, was wir wahrnehmen. Dann nehmen wir etwas wahr, etwa Frustration, und benennen es. Wir sagen dann nicht „ich bin frustriert,“ sondern „ich spüre/bemerke Frustration“. Und das macht einen Unterschied, denn die Emotion „klebt uns nicht auf der Haut,“ sondern sie geht auf Distanz, und wir bekommen Handlungsspielraum – eine gute Voraussetzung, um zu spüren, was uns unserem augenblicklichen Ziel, uns weniger frustriert zu fühlen, näher bringen kann.

Das Selbst als Kontext beschreibt einen Zustand, der das Selbst als Konzept und das Selbst als Prozess einschließt.

Dazu gibt es eine Metapher, die diese Form des Selbst anschaulich macht.

Das Selbst als Kontext ist wie ein Schachbrett, auf dem manchmal mehr weiße Figuren (positive Gedanken) und manchmal mehr schwarze Figuren (negative Gedanken) stehen. Das Schachbrett ermöglicht und trägt das Spiel, aber es ist unparteiisch, greift nicht in das Spiel ein und ist immer „gleich drauf“, ganz gleich, wie das Spiel verläuft bzw. endet.

Dieses Selbst als Kontext anzustreben durch viele Momente im Alltag macht viel Sinn, denn es wird zu einem Ort, an dem unsere Gefühle und Emotionen uns nicht mehr überwältigen, wir bleiben „Herr der Lage“, egal, welche Stürme um uns herum gerade toben.

Und dann stellt sich die Frage, wie wir dahinkommen. Nun, Möglichkeiten, dies im Alltag zu üben, stellen sich viele, und zwar immer dann, wenn wir achtsam sind und spüren, dass Gefühle und Emotionen in uns aufsteigen. Anstatt sie zu bewerten, nehmen wir die Haltung des Beobachters ein und gehen wie folgt vor:

  1. Gefühl spüren und auf Distanz dazu gehen
  2. das Gefühl benennen: z.B. zu Corona: – „ich fühle Frustration/Depression“
  3. die Körperempfindung spüren
  4. den Impuls zum Handeln spüren, aber nicht handeln
  5. atmen: entweder bis 10 zählen bei der Ein- und der Ausatmung oder im Quadrat atmen: einatmen und von 1-4 zählen, den Atem anhalten und von 1-4 zählen, ausatmen und von 1-4 zählen, bei leerer Lunge verweilen und von 1-4 zählen. Und das das Ganze von vorne, bis die Emotion leichter wird.

Es ist ein Unterschied, aggressive Gefühle zu haben oder aggressiv zu handeln. Otto Kernberg, der renommierte Psychiater und Analytiker, beschrieb seine Empfindungen in seiner Anfangszeit als junger Therapeut, wenn ein Klient so gar nicht „mitschwang“ oder nichts begriff, sinngemäß so:

„Ich hätte ihn / sie am liebsten aus dem 11. Stock meiner New Yorker Praxis geschmissen und am Fenster gestanden und gewartet, bis es unten „Plopp“ macht.“ Und dann hat Kernberg einfach beobachtet und darauf geachtet, dass sein Patient nichts von Kernberg’s Impulsen mitbekommen hat.

Also, erlaubt Euch Eure aggressiven Impulse, aber aus der Perspektive des Beobachters, und beobachtet, wie sehr es eure Persönlichkeitsentwicklung voranbringt.

Und gutes Gelingen beim Üben, denn:

„Heute ist der 1. Tag vom Rest meines Lebens“


Ähnliche Beiträge